Stichting dr. O. Noordmans
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Verzamelde Werken, deel 4 · p. 81–90

Weergave

Fünfzig Jahre Theologie1

Das letzte halbe Jahrhundert war politisch das furchtbarste, das die Weltgeschichte kennt. Niemals hat es auf unserem Himmelskörper Kraftmessungen in solchem Ausmass gegeben. Niemals hatten solche totalen Kriege stattgefunden. Niemals früher ist auch die Moral davon in so hohem Grade erschüttert worden. - Und nun ist es eine sehr angelegene Frage, inwieweit die Theologie davon den Rückschlag empfunden hat.

Wenn man die Frage so stellt, ist es aber nicht möglich, sie zu beantworten. Erstens ist das, was wir jetzt in dieser Versammlung mit Theologie meinen, nicht das was in Betracht kommt, wenn man nach den Folgen zweier Weltkriege fragt. Dann würden wir die Theologie irgendwo anders suchen müssen als in den veröffentlichten Handbüchern. Es wäre auch kaum schon die Zeit, danach zu fragen. Vielleicht wird man über ein Jahrhundert anfangen können, davon etwas zu sagen.

Jetzt ist unsere Aufgabe mehr retrospektiv und begrenzt. Wir wollen uns vergegenwärtigen, welche Wandlungen in der Theologie seit etwa der Jahrhundertwende in unserem Lande vorgekommen sind. Und beiläufig wird dabei auch hin und wieder gefragt werden können, inwieweit sie schon hingezielt haben auf die grosse Katastrophen, von welchen wir die Augenzeugen geworden sind.

Wenn ich dann bei etwa 1900 anfangen muss, dann kann ich das vielleicht nicht besser tun als wenn ich sage: Barth war noch nicht auf dem Plan. Wohl auf dem Planeten, nicht aber auf dem Plan. Der ist bei uns ein Vierteljahrhundert später gekommen. Um etwa 1900 waren unsere Theologen in einem Dreieck aufgestellt. Es gab Neocalvinisten, Ethische und Liberale. Über die Bedeutung dieser Namen einige kurze Anmerkungen.

Erstens die Neocalvinisten. Wie der Name andeutet, betrifft es hier eine Erneuerung des alten Calvinismus, der in unserem Lande, mehr als in den reformierten Gegenden Deutschlands, seine scharfen Züge behalten hat. Ich nenne die Auffassung der Prädestination als 'decretum horribile', die partikularistische Auffassung der Gnade, und im Zusammenhang damit die Besonderheit der göttlichen Vorsehung in der Natur als ein jedesmaliges Eingreifen Gottes. Weiter wird die Offenbarung als eine ausschliesslich mechanische Handlung Gottes gedacht, wobei der organische Zusammenhang mit anderen Offenbarungstaten Gottes und mit der natürlichen, ethischen und sozialen Umgebung unterschlagen wird. Endlich die atomistische Anschauung des profanen Lebens, des Völkernlebens und der Kulturen, historisch, ethisch und religiös.

Es gibt jetzt bei uns noch kirchliche Kreise, wo man, in kränklicher Form, diese altcalvinistischen Anschauungen sehr deutlich herauskennt. Sie kennzeichen sich durch eine passive Haltung der Predigt gegenüber, durch Vernachlässigung der Sakramente, namentlich des Abendmahls, wobei aber die sogenannte Nähere Reformation, unter Einfluss vom englischen Puritanismus, mitgesprochen hat.

Hier hat nun der Neocalvinismus eingegriffen. Der auch im Ausland sehr bekannte Theologe und Politiker Dr. Abraham Kuyper war der Führer dieser Bewegung. Im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hatte er schon mehr als 25 Jahre mit seiner gewaltigen Kraft und Genialität darin gearbeitet. Er stand damals auf der Höhe seines Wirkens. Sein Ziel war, den Calvinismus, wie er im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert gewesen war, religiös, wissenschaftlich und politisch wieder zum Prinzip des Lebens zu machen. - Er gründete die Freie Universität in Amsterdam und war in der Politik Führer der Antirevolutionären Partei. Zwei Zeitungen, De Standaard, eine Tageszeitung für die Politik, und De Heraut, ein Wochenblatt für das kirchliche Leben standen ihm dabei zu Gebote. Auf beiden Gebieten, das des Staates und das der Kirche hat er stark eingegriffen. In der Politik als Parlementarier oder Minister, in der Kirche durch eine Art kirchliche Revolution in 1886, in welchem Jahre ein Teil der niederländischen Volkskirche sich von dieser separierte unter die alte Kirchenordnung von 1618-1619.

Man muss nun sagen dass der Neocalvinismus praktisch gescheitert ist. Das hat aber nicht er allein getan. Es ist mehr in dem letzten halben Jahrhundert gescheitert. Aber dieser Calvinismus ist doch auch sehr auffällig, zum eigenen Erstaunen, gescheitert. Die Politik der Antirevolutionären Partei hat keine nachhaltigen neuen Formen gebildet, und die separierten Kirchen haben einen frequenten Separatismus entwickelt, der sich wie ein Schwamm in ihnen eingenistet hat und auf dem Wege ist, ihre Errungenschaften zu zerstören. Weiter kann ich hierauf jetzt nicht eingehen. Ich muss etwas von der Art der neocalvinistischen Theologie sagen, wie Kuyper diese in seinen Werken und Vorträgen gegeben hat.

Der Neocalvinismus, der hier in Betracht gezogen werden muss, hat die schroffen Seiten des alten Calvinismus teilweise abgeschwächt. Das gilt aber weniger von der Predigt als von der Lebensanschauung. Man muss sagen, dass dieser Calvinismus das Evangelium teilweise in eine Lebensanschauung umgebogen hat. Er ist auf die Suche gegangen nach Prinzipien, die im Evangelium aufzufinden seien, auf jedem Gebiete, religiös, kirchlich, ethisch, sozial. Die Loci der Dogmatik wurden so zu einem System, das wissenschaftlich ausgeführt werden konnte. Das politische und soziale hätte seine Richtlinien neu abzuleiten und zu begründen aus dem der Wiedergeburt, wobei die Nation und die Welt in zwei Hälften n und die sogenannte Antithese als Schlagwort angegeben würde. vinistische Universität hatte das Amt diese Prinzipien aufzufinden. Die rche stand etwas beiseite.

Gegenüber dem alten Calvinismus kann diese Prinzipienlehre als eine organische gelten, eine Benennung, die von Dr. Kuyper dann auch sehr oft verwendet wird. Es geht bei ihm mehr um das Leben als um den Glauben, und diese Bevorzugung ist im neunzehnten Jahrhundert allgemein. Etwas Biologisches spielt darin mit. Ich erinnere mich, wie Kuyper in De Standaard eine Äusserung eines deutschen Historikers zitierte: 'Unter denen wird sich weiter leben lassen'.a Mit diesen 'denen' war die Antirevolutionären Partei gemeint. Das war das beste Lob, das Kuyper sich gespendet wissen wollte.

In dieser organischen Lebensanschauung und dieser wissenschaftlichen Prinzipienlehre, abgeleitet aus einer nicht eschatologischen, aber historischen und bisweilen fast physischen Wiedergeburtshypothese, war der Neocalvinismus imstande, viel modernes Gedankenmaterial zu verwenden. Obwohl an der Freien Universität die Religionsgeschichte auf der Series Lectionum als Idolatrie angeschrieben war - ich weiss nicht ob das noch der Fall ist2 - hat Kuyper eine sehr weitherzige allgemeine Gnade gelehrt, aus welcher er seine Kulturauffassung ableitete. Ja auch die Geschichte der Gottesoffenbarung erhielt bei ihm eine organische Form. Diese Offenbarung war bei ihm mit dem Leben der Völker stark verwachsen. Und so stellte er sich vor, dass auch Gottes besondere Gnade nicht zu planlos gespendet werde. Er wusste in seinen briljanten und berühmten Vorträgen oft sehr plastisch den Gnadenstrom zu beschreiben, wie dieser sich von Osten gen Westen bewog.

Man könnte den Neocalvinismus fast einen Kulturcalvinismus nennen. Die Folgen dieses Unternehmens hätten auch von grösserer Bedeutung sein können, wenn Kuyper sich nicht übereilt hätte und während seines eigenen Lebens schnellen Erfolg forciert hätte, wenn er dem Neocalvinismus die Zeit gelassen hätte, langsamer zu reifen. So wie er es machte, mussten diese Früchte in einem kleinen separierten kirchlichen Kreise teils verwelken, teils zu einer Frühreife kommen, die sie von dem Markte des modernen Lebens ausschloss. So ist jetzt wohl die Lage geworden. Es ist schade für diese kräftige Gruppe der niederländischen Kirche, dass sie sich gewissermassen in einem cul de sac verlaufen hat. Es ist zu bedauern, dass sie aus der Hand Gottes in die Hand eines Mannes, eines Führers, geraten ist und sich verirrt hat. ⚑Eine zweite Gruppe waren die Liberalen. Der Name wurde bei uns auf kirchlichem Gebiet in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts benutzt. Ich verwende ihn hier mehr allgemein, wie man das in Deutschland tat, zum Beispiel mit dem liberalen Jesusbild. Wir nennen das: die Vrijzinnigen. In der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts redete man mehr von Modernen. Die moderne Theologie aber hatte um etwa die Jahrhundertwende ihre grossen Triumphe gefeiert. Um 1900 wurden mehrere malkontente Stimmen in diesen Kreisen laut. Eine Annäherung an die kirchliche Dogmatik war damals schon spürbar. Die Jüngeren konnten sich in dem naturalistischen Abbau des Glaubens nicht mehr finden und suchten, unter Beibehaltung der historischen Kritik der Bibel und mit traditioneller moderner Ehrerbietung für die Wissenschaft und für die Vernunft, sich der kirchlichen Konfession doch wieder zu nähern.

Ein junger Leidener Professor namens Roessingh hatte dabei die Leitung. Sein tiefer religiöser Geist stand offen für das Getöse der geistlichen Stromschnellen, deren Rauschen er bisweilen meinte hören zu können. Schade, dass er so jung verstorben ist, weil man noch so viel von ihm hätte erwarten können. Ich muss hier absehen von den Besonderheiten seiner Theologie.

Ein anderer liberaler Theologe, der zwischen den beiden Weltkriegen in Leiden gewirkt hat, war De Graaf, ein Schüler des Groninger Professors Heymans, also mehr monistisch als Roessingh, aber auch bereit, die Wahrheit der kirchlichen Konfession nicht zu überhören. Noch einen dritten Leidener Theologieprofessor muss ich hier nennen, der aber schon etwas früher seine bedeutensten Eingriffe in die Theologie gemacht hatte. Ich meine den im vorigen Jahre verstorbenen Eerdmans. Zwei von seinen Errungenschaften muss ich hier hervorheben. Er hat erstens - und das ist von Bedeutung geworden - schon früh die Resultate der historischen Bibelkritik, wie sie von seinen Lehrern Kuenen und Wellhausen vorgetragen worden waren, geprüft. Er hat sich dabei mehr der kirchlichen Tradition genähert, ohne übrigens ihr dabei dogmatisch näherzukommen. Er hat sich zeitweilig mehr der Politik zugewendet. Das zweite, was ich von ihm in Erinnerung bringen will, ist seine Kritik an der neocalvinistische Dogmatik. Er hat zu zeigen versucht, dass der Unterschied des alten und des neuen Calvinismus prinzipiell war und dass Kuyper nicht das Recht hatte, sich als Paladin der Genfer Religion aufzuführen.3 Folgen hat diese Kritik zwar nicht gehabt, weniger als die Kritik, die er dem eigenen Liberalismus unterzog, aber sie hat doch mitgeholfen eine gewisse Bezauberung der Romantik des Neocalvinismus zu brechen. Sie hat geholfen die Bahn freizumachen für die dialektische Theologie.

Abgesehen von Roessingh, der zu einer durchgreifenden Zusammenfassung und Darstellung seiner neueren Ansichten nicht mehr gekommen ist, haben aber die ersten 25 Jahre dieses Jahrhunderts keine durchstossenden Neuerungen in der liberalen Theologie gebracht. Meistens ist es bei kleineren Arbeiten geblieben, wovon eine Reihe in den Vlugschriften van de Studieclub van Moderne Theologen4 erschien. Darin kam zu mindestens die Annäherung an das kirchliche Dogma zum Ausdruck. Wohl hat es einige bedeutende Geister gegeben, die eine mehr radikale Richtung nahmen. Die sog. Radikale Theologie hat bei uns einige Vertreter gefunden. Man kann reden von einer holländischen Radikalen Schule. Ich nenne hier Van den Bergh van Eysinga. Man weiss, dass dabei die Annäherung an das kirchliche Dogma gesucht und auch wirklich gefunden wurde durch Aufhebung der Historizität des Evangeliums und Jesu, und durch die Verabsolutierung der evangelischen Begriffe in die höchsten Begriffen der Vernunft. Ein genialer Hegelianer, der Leidener Professor Bolland,5 hat daran mitgeholfen. So hörte die Gemeinde unter der Kanzel aus solchen Münden ein Evangelium, das in eine Mystifikation zu entarten drohte und die Gewissen verwirrte.

Neben diesem Neuhegelianismus wirkte vereinzelt ein Neukantianismus, unter Einfluss der Marburger Schule. Representant davon war bei uns Dr. Snethlage. Dabei wurde alles Gewicht auf die notwendigen Denkformen gelegt, wobei der religiöse Inhalt mehr oder weniger indifferent blieb. Dieser Neuhegelianismus und dieser Neukantianismus haben, wie die liberale Kritik am Neocalvinismus, einigermassen dazu beigetragen, bei uns den Weg zu ebnen für die dialektische Theologie. Die organischen Bindungen, wie Kuyper sie, mehr oder weniger biologisch, aus der Wiedergeburt ableitete, unter dem Einfluss eines latenten Naturalismus, der das ganze neunzehnte Jahrhundert durchzieht, wurden hier als unzulässig abgewiesen. Alles wurde mehr in Begriffe gefasst oder in Formen gegossen. Die scharfen Kanten des Idealismus wurden hervorgekehrt, und die Existenz wurde vom Geist geschieden. Als das genügend der Fall war, kam Kierkegaard auch bei uns auf den Plan und erschütterte die angenehme Genügsamkeit und die bürgerliche und kirchliche Selbstzufriedenheit. Die durch den Neuhegelianismus und den Neukantianismus in die Ecke getriebene Existenz tat ihren Eintritt. Es waren der Leidener Professor Chantepie de la Saussaye und zwei bekannte Prediger aus der Ethischen, der dritten Gruppe, die Jonkers, die sie bei uns einführten. Allzu chronologisch muss man sich das aber nicht denken. Das Eine durchkreuzt das Andere. -

Ich nannte soeben wieder einmal die dritte Gruppe: die Ethischen. Davon muss ich jetzt etwas mehr sagen. An dieser Gruppe sind für die letzte Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Namen zweier sehr bekannter niederländischer Theologen verbunden, nämlich Chantepie de la Saussaye der Ältere und Gunning. Circa 1900 war ihre Wirksamkeit schon beendet, doch sie hatten eine Neuerung des alten kirchlichen Denkens bezweckt, sozusagen einen Neocalvinismus, aber in ganz anderer Weise als Kuyper. Ihr Anliegen kann man als einen frühen Existentialismus bezeichnen, wenn solch ein philosophischer Ausdruck hier zulässig ist. De la Saussaye wurde es nicht müde, den ganzen Menschen als Subjekt des Glaubens hervorzukehren gegenüber dem Intellektualismus des Leidener Professors Scholten und andererseits gegen den Supranaturalismus und Intellektualismus der landläufigen Orthodoxie.

Ich muss hier diese beiden sog. ethischen Theologen, die zum vorigen Jahrhundert gehören, beiseite lassen. Allein muss hier gesagt werden, dass beide, der Neocalvinismus und die ethische Theologie, sich bemüht haben, das Dogma in ein Ethos einzutauchen, und dabei eine mehr organische Auffassung angewendet haben, in Anschluss an die neuere Philosophie. Merkwürdigerweise hat der Neocalvinismus, der sich mehr an die scharfen Prägungen der altprotestantischen Dogmatik hielt, sich dabei weiter in die Politik und die Kultur hineingewagt, während die ethische Richtung, die in ihrer Denkweise und Mentalität der alten Dogmatik freier gegenüber stand, sich in der Praxis mehr zurückhielt und in der Gesinnung eine mehr evangelische Gesinnung, wie ich es nennen möchte, trug. Im allgemeinen war man da der Politik abhold und in der Kultur etwas asketisch. Die ethische Richtung hat mehr Vermittlungstheologie geübt und dem modernen Idealismus mehr Rechnung getragen als der Neocalvinismus. Aber wenn ich früher sagte, dass in der Kuyper-Bewegung die Kirche oder die Gemeinde etwas beiseite stand, so muss ich jetzt sagen, dass die ethische Richtung frommer war und mehr auf die Pflege des Seelenlebens hielt.

Bei beiden, Kuyper und De la Saussaye, war die Wiedergeburt das Grundprinzip. Das Ethos, das daraus abgeleitet wurde, war aber verschiedenartig. Die Bewegungen waren einander ungleiche Geschwister.

Im zwanzigsten Jahrhundert waren aber die ethischen Linien von De la Saussaye und Gunning schon etwas hinfällig. Der Eklektizismus, der ihre schwache Seite war, hatte die Überhand bekommen. Der Ethizismus war hin und wieder zu einem Moralismus herabgesunken, und in der Gemeinde konnte diese etwas schillernde Predigtweise keinen Anklang finden. Das niederländische Ohr hört gern etwas klares. Das hatte Kuyper gewusst.

So wurde die ethische Richtung im zwanzigsten Jahrhundert mehr ein

Empfangsboden, eine Mentalität, die in gewissen Kreisen gepflegt wurde, als eine kirchliche Macht.

In den beiden ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts hat der Leidener Professor Chantepie de la Saussaye, der Sohn, auf diese Weise dazu beigetragen, den Intellektualismus der liberalen Studenten zu erschüttern. Er war aber kein bahnbrechender Geist. Er war Skeptiker und Individualist. Andere, wie zum Beispiel der Leidener Professor Van Nes, übernahmen einen gewissen Supra-Historismus, den sie bei Kähler fanden. Es gab damals keinen König in Israel. Viel Einfluss hatte damals auch Herrmann mit seinem Autonomismus. An diesem Punkt, der Autonomie, waren zu einem gewissen Zeitpunkt einige führende Ethische, wie De Sopper, De Zwaan, Van der Leeuw, im Begriff die ethische Sache zu entscheiden.6 Da warf einer eine Bombe hinein mit der Veröffentlichung einer Broschüre über den Gegenstand Glauben auf Autorität hin.7 Das war 1921. Barth war noch nicht auf dem Plan.

In diesen ersten zwei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts haben auch die philosophische Phänomenologie (Husserl) und die Strukturpsychologie (Spranger, Scheler) Einfluss ausgeübt. Daneben und im Gegensatz dazu der Existentialismus Heideggers. Ein gewisser theologischer Anarchismus machte sich breit. Wir müssen uns jetzt schnell von der Beschäftigung hiermit lösen, um nicht vor lauter Bäumen den Wald aus den Augen zu verlieren.

Wir reden noch immer von der dritten Gruppe. Hier muss ich einen würdigen Mann nennen, der eben nicht zur ethischen Gruppe gehörte und auch nicht zu den Neocalvinisten gerechnet werden konnte. Er nahm eine eigene Stellung ein. Ich meine den Groninger Theologieprofessor W.J. Aalders, seit 1915 in Groningen angefangen mit Gewijde synthese. Er trug eine Theologie vor, die er selbst auch wohl als Inkarnationalismus bezeichnet hat; eine an der Anglikanischen Kirche und damit auch an der Alten Kirche orientierte Theologie. Aalders war Calvinist, aber die Stellung, die er der inkarnation einräumte, war für unsere Theologie neu und hat einen ökumenischen Hintergrund, wobei die Anglikanische Kirche, als dritte Denomination neben Katholisch und Protestantisch, stark mitspielte. Einen Anhang hat Aalders nicht bekommen. Wohl hat er auf viele einen starken Einfluss ausgeübt. Er war ein Israelit ohne Falschheit. Er hat eine merkbar leere Stelle hinterlassen.

Noch einen anderen Groninger Professor muss ich hier nennen, der jetzt einen nationalen, einen europäischen und auch einen amerikanischen Ruf geniesst: Dr. G. van der Leeuw, den Religionshistoriker und Phänomenologen. Aber diese Seite seines Wirkens meine ich eben nicht. ich denke hier an einen dritten Typus christlicher Religion, dem er absichtlicher und allseitiger als Aalders nachstrebt. Uranfänglich hat das bei ihm begonnen mit einem liturgischen Bestreben. Auch seit etwa 1920 gab es bei uns einen liturgischen Kreis, dem er vorstand. Anfangs hat sich dieser Verein etwas unkritisch in einem Handbuchb ausgetobt. Aber allmählich hat Van der Leeuw strengere Linien gezogen und von seinem Standpunkt aus verantwortliche Gedanken vorgetragen - Van der Leeuw ist ein unglaublich belesener und ebenso ein unglaublich leicht denkender und schreibender Mensch. Er beherrscht fast das ganze Gebiet der Theologie. Seine Gelehrsamkeit als Phänomenologe ist bekannt. Er schrieb auch eine Einleitung in die Theologie, eine Liturgik und viele andere Werke. Eben jetzt hat er seine Sakramentstheologie veröffentlicht. Mit bewunderenswürdiger Strenge und Stoffbeherrschung hat er darin die zentrale Figur des dritten Typus der christlichen Religion, wie er sie sich denkt, gezeichnet. Nach dem Kriege war er Bildungs- und Kultus-Minister.

Es ist natürlich noch viel mehr zu sagen, aber ich muss jetzt noch einmal zurückgehen auf etwa 1920. Ich nannte das eine Zeit theologischer Anarchie, gleich nach dem ersten Weltkrieg. Unter den Neocalvinisten war der erste Aufschwung vorbei, und unter ihnen traten Wirren auf, die im letzten Weltkriege zu einer gründlichen Entzweiung geführt haben. In der Volkskirche herrschte auch, wie wir gesehen haben, ein ziemlich buntes Wesen. Dann wurden hier, so um 1923, die Schriften der Schweizer bekannt. Diese ersten Veröffentlichungen, Brunners Erlebnis, Erkenntnis und Glaube, waren auch noch ziemlich verworren. Brunner lehnte sich an Husserl und die Sinngehalte der Strukturpsychologie an. Barth drang in die Ursprünge und Tiefen einer Art kosmischer Spekulation ein. Es war eine Art Renaissance, die bei ihrem Durchbruch allerlei Schlacken mit hinaufschleuderte. Es ist der Verdienst Barths, dass er alsbald die Kraft gefunden hat, aus dieser theologischen Renaissance in eine mehr disziplinierte Denkweise überzugehen. Was mich selbst betrifft habe ich von Anfang an, so beim Römerbrief, mich bemüht, die reformatorischen Linien herauszuhören und den Rest 'unter Inventarfrist' anzunehmen. Diese Reserviertheit übe ich auch jetzt wieder, wo Barth in den letzten Teilen seiner Kirchlichen Dogmatik an der Peripherie der Dogmatik, die Schöpfung zu deuten bemüht ist. So christologisch das aussieht, so droht hier doch wieder ein gewisser Monismus, dem man in den Frühschriften Barths begegnet. Er geht und bleibt gehen in die Welt-Hintergründe. Es gibt einen Himmel; es gibt aber auch eine Hölle, wie unangenehm das auch sein mag. Wir, Nachkriegschristen, wissen das am besten.

Aber ich darf mir keine Ausweitungen erlauben. Ich wollte sagen, dass um den Wechsel vom ersten zum zweiten Viertel dieses Jahrhunderts herum die dialektische Theologie auch bei uns bekannt geworden ist. Es war ein verhältnismässig kleiner Kreis, der sich aktiv mit ihr beschäftigte. Viel grösser war der Kreis wo man, ohne es genau zu wissen, von dieser Theologie beeinflusst war. Wenn man eine Enquete nach der Predigtweise im ersten und im zweiten Viertel des Jahrhunderts einstellen könnte, dann würde man merkwürdige Auskünfte bekommen. Es ist nicht alles der Einfluss der schweizerischen Theologie, wie sie zuerst genannt wurde. Es gibt hier auch einen autochthonen theologischen Wuchs. Ich denke an den Groninger Professor Isaac van Dijk,8 einen feinen Geist, der eben die ersten 25 Jahre dieses Jahrhunderts neue Töne hören liess. Auch war der Einfluss Kohlbrügges stetig im Wachsen begriffen. In Deutschland haben Sie doch auch Theodosius Harnack9 gehabt. Und neue Luther- und Calvinstudien waren im Werden begriffen.

Das ändert aber nichts daran, dass Barths Römerbrief epochemachend gewesen ist. Ich brauche davon jetzt nicht wieder zu reden; ebensowenig von seiner Kirchlichen Dogmatik. Sie haben doch alle die sechs Bände gelesen und wieder gelesen.

Barths Theologie hat starken Widerspruch von der Seite der neocalvinistischen Theologen, auch von altcalvinistischen Kreisen in der Volkskirche erfahren. Es geht da eben um das Prinzip des neunzehnten Jahrhunderts, das Leben, wie es auch beim Widerspruch, den man von römischer Seite gegen Barth erhebt, um dieses Prinzip geht. Man will das simul peccator nicht gelten lassen. Man führt gegen Barth an, dass er den Tod bevormundet. Diese Frage ist die wichtigste der Gegenwart. Es geht um Kohlbrügges Predigt über Römer 7 : 14.10 Und es geht dabei um die Zukunft Europas und der Welt. Ich muss hier, wo es die Theologie in den Nederlanden betrifft, noch eines Mannes gedenken, der jetzt nicht mehr hier ist, sondern in Genf. Hendrik Kraemer. Kurz vor dem Kriege hat er hier ein Leidener Professorat übernommen. Er ist Sprachgelehrter und Missionar. Ein Globetrotter und universeller Geist. Während des Krieges hat er mit seiner phänomenalen Initiative eine Bewegung entzündet, Gemeenteopbouw genannt (Gemeinde-Aufbau). Dem liegt, wenn er es auch bisweilen nicht zugestehen wollte, eine eigene Theologie zu Grunde. Kraemers Theologie ist auch an der dialektischen Theologie orientiert, ist aber nicht mit ihr identisch. Wenn ich ein paar Züge davon nennen müsste, dann würde ich sagen: Bei Kraemer hat das Leben wieder eine grosse Bedeutung. Es ist aber nicht sosehr das schon anwesende und etwas handgreifliche Leben, sondern der Gehorsam des Glaubens. Das Dogma wurde bei Kraemer ein wenig zugunsten einer christlichen Lebenshaltung entwertet, die deutlicher als eine mehr dogmatische Glaubenshaltung erprobt werden kann. Kraemer hofft auf diese Weise eine falsche Antithese zwischen Orthodoxen und Liberalen abhelfen zu können, wenigstens die Hindernisse verringern zu können.

Kraemer war zu viel Missionar, um sich im holländischen Gedankengefüge wohlfühlen zu können. Seine Theologie hat einen ökumenischen Ausblick, er bekennt sich zu einem biblischen Realismus. Die Inkarnation hat dabei eine grössere Stellung. Bei weitem aber nicht so zentral wie das bei Van der Leeuw der Fall ist. Bei ihm ist alles mehr ins Praktische und in den Gehorsam verschoben. Der Glaube bleibt zentral. ⚑Hiermit habe ich dann einige Umrisse gegeben, in welchen man vielleicht - ich hoffe es wenigstens - etwas von der Bewegung der niederländischen Theologie in den letzten 50 Jahren herausgehört hat.

Es ist eine heikele Frage um die Theologie. Mit dem Kopfe, hoffentlich auch ein wenig mit dem Herzen, theologisieren wir. Mit den Händen schlagen wir einander tot. Was daraus herauskommen muss, weiss Gott allein!

Voetnoten

  1. a

    Vindplaats onbekend. De uitspraak is van de Duitse historicus F. Nippold. Vgl. VW., dl.3, p. 381.↩

  2. b

    Bedoeld is het door de Liturgische Kring samengestelde Handboek voor den Eeredienst in de Nederlandsche Hervormde Kerk, Rotterdam 1934.↩

Eindnoten

  1. 1

    N. zou zijn lezing Fünfzig Jahre Theologie houden op 3 juni 1949 te Arnhem voor een groep Duitsers. De bijeenkomst ging om onbekende redenen niet door. De titel van de lezing is door de redactie toegevoegd. De tekst is in manuscript bewaard gebleven.↩

  2. 2

    Idolatrie (of idololatrie: beide termen komen voor in publikaties vanuit en over de VU.): Blijkens de bijdrage van J. Veenhof, Honderd jaar theologie aan de Vrije Universiteit, in Wetenschap en rekenschap 1880-1980. Een eeuw wetenschapsbeoefening en wetenschapsbeschouwing aan de Vrije Universiteit, M. van Os en W. J. Wieringa eds., Kampen 1980, p. 44-104, werd de naam 'historia idololatriae' conform Kuypers encyclopedie vervangen door 'elenctiek' en meer recent door 'godsdienstwetenschap'. Zie a. w., p. 48. In zijn bijdrage Van elenctiek naar godsdienstwetenschap, opgenomen in de bundel In rapport met de tijd, 100 jaar theologie aan de Vrije Universiteit. 1880-1980, C. Augustijn e.a. eds., Kampen 1980, p. 182-197, laat D. C. Mulder zien, dat de theologische behandeling van de niet-christelijke religies door Kuyper in de elenctiek werd ondergebracht, ten einde "hun onwaarheid aan te wijzen, maar tevens te laten zien, hoe de afdwalingen der pseudoreligies logisch noodzakelijk uit sensus divinitatis en zonde voortkomen" (p. 186). Daarnaast behield een meer historische behandeling van deze religies een plaats in het vak godsdienstwetenschap.↩

  3. 3

    Vgl. voor Eerdmans' kritiek op Kuyper, De theologie van dr. A. Kuyper, in Theologisch Tijdschrift 43 (1909), p. 209-237, waarin hij de theologie van Kuyper afwees als onschriftuurlijk en ongereformeerd. Zie ook zijn 'Moderne' orthodoxie of 'orthodox' modernisme, Baarn 1911. Voorts voor E. VW., dl. 1, p. 239, noot 6.↩

  4. 4

    De Vlugschriften der Studieclub van Moderne Theologen werden gepubliceerd vanaf 1924 (in totaal 13). Tot deze studieclub, die in 1924 was opgericht, behoorden o.a. Roessingh, De Graaf en Lindeboom. Het onderwerp van de publikaties betrof m.n. de christologie.↩

  5. 5

    Zie voor G. J. P. J. Bolland VW., dl. 3, p. 502, noot 4.↩

  6. 6

    Herrmann leerde in aansluiting aan Kant een autonome zedelijkheid, niet herleidbaar tot natuur of godsdienst. De verwerkelijking van de zedelijkheid in de wereld vindt vervolgens haar mogelijkheid - niet haar grond - in de godsdienstige overtuiging. Zie J. C. Roose, De theologie van W. Herrmann, Leiden 1914, hfdst. 2. Uitvoeriger is N. hierover, ook in verband met de Nederlandse ethischen, in VW., dl. 3, p. 430-434, m. n. p. 434, noot 9. Vgl. ook dl. 2, p. 45 v. J. de Zwaan (1883-1957), vanaf 1914 hoogleraar Nieuwe Testament te Groningen, van 1929 tot 1953 te Leiden.↩

  7. 7

    Aan het begin van deze zinsnede staat in het manuscript de volgende regel doorgestreept: 'Auch ich war in diesem Studienkreis, aber warf eine Bombe hinein mit ...' Glauben auf Autorität hin: Geloven op gezag verscheen als brochure in de reeks Practisch Christendom, Utrecht 1921, werd vervolgens gepubliceerd in ZI., p. 10-29 en opgenomen in VW., dl. 2, p. 135-152.↩

  8. 8

    Zie voor Is. van Dijk VW., dl. 1, p. 149 v., noot 30.↩

  9. 9

    Zie voor Th. Harnack VW., dl. 3, p. 526, noot 5.↩

  10. 10

    Bedoeld is de gastpreek over Rom. 7 : 14, die Kohlbrugge in 1833 te Elberfeid hield op uitnodiging van G. D. Krummacher en waarop hij later steeds terugkwam. In deze tekst vond K. de openbaring van Gods gerechtigheid in de zondige werkelijkheid van de mens en daarmee een uitgangspunt voor zijn bestrijding van de vergeleken met de roomse kerk meer innerlijke werkheiligheid, die de gevestigde gereformeerde vroomheid kenmerkte. Zie N.'bespreking daarvan in VW., dl. 3, p. 293 vv. De preek over Rom. 7 : 14 verscheen o.a. in Zwei Gastpredigten über Röm. 7: 14 und Ps. 65: 5, Elberfeld 1833.↩

Verantwoording

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